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Ein Viertel Jahrhundert Meenzer Drecksäck

Allgemeine Zeitung, 17.2.2020

 

Ein Hauch von Bastille-Sturm weht über leicht ergrauten Alternativfastnachter-Häuptern: Furiose Sitzung zum 25-jährigen Kampagnenjubiläum im „Haus der Jugend“.

Von Michael Jacobs

 

MAINZ - Man möchte vor Ehrfurcht in den Staub sinken. Ein Viertel Jahrhundert haben die Meenzer Drecksäck auf dem Buckel. Und nie hat royales Frohsinnsgeblüt den Fuß in den Trunkthronsaal im „Haus der Jugend“ gesetzt.
Auch nach 25 Jahren weht ein Hauch von Bastille-Sturm über die leicht ergrauten Häupter der Alternativfastnachter, bleibt die republikanische Spottversammlung Prinzenpaar-freie Zone. Gegen den Liebreiz der Drecksau würde sowieso keine Majestät auch nur einen Fleischwurtstzipfel lang bestehen. Geschweige denn abheben. Bei einer solch glorreichen Vergangenheit muss die in der Schwarte grün gefärbte Stammmannschaft aber so einiges anstellen, um nicht vom Mantel der Geschichte eingelullt zu werden. Und siehe, sie hat. Da die Drecksäck traditionell das Korsett etablierter Sitzungen sprengen, gelten hier auch besondere Wertungskategorien.
Film
Wenige Tage nach der Oscarverleihung demonstriert der Opener, wo wirklich die cineastische Messlatte liegt. Nämlich in einem kongenialen Remake des Zeitschleifenstreifens „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (Regie: Markus Hansen). Drecksäck-Vorderer (Günter Beck) wird von der Hiobsbotschaft repetetiv aus den Federn gerissen, ein anonymer Brief beschuldige den Vorstand des Kartenmissbrauchs, der Korruption sowie des Erwerbs einer Teermaschine. Nach wiederholtem Passieren des Essenheimer Spielkreises, in dem sich Detlev Höhne und Theater-Intendat Markus Müller die Toplagen der Lu zuschachern und einer stets in den Armen einer amtlichen Knollenmacht (Katrin Eder) landenden E-Roller-Hatz entlarvt ein Dosenmilchfleck Mutter Becker als Urheberin des Denunziantentums. Hitchcock, ach was: Hollywood at its best.
Szenische Film-Comedy
In puncto surrealer Bildgewalt steht die Theater-Video-Montage der Laienspielgruppe dem Eröffnungsfilm in nichts nach. Der Mix aus Harry Potter, Herr der Ringe und Kommissar Suff handelt in erster Linie von einem aus den Bonifaziustürmen gepurzelten Hasen, der sich als OB-Kandidat Nino entpuppt und gollummäßig nach einem goldenen Handkäs giert, den sich aber König Michael längst unter den Nagel gerissen hat. Wahnwitzige Nebenhandlungen zünden regelrechte Sommerlichter auf der Netzhaut der Drecksäckgemeinde.
Duo grandioso
Zur silbernen Zwischenspiel-Sketch-Hochzeit zeigen sich Günter Beck und Birgit Schütz auf dem Zenit ihrer Persiflage- und Babbelkunst. Allein die Nachstellung des Theodor-Heuss-Brückendesasters à la Harald Schmitt-Playmobil-Baukasten mit selbstfahrenden U-Booten und Mainzplus-Chef-Katapult ist großes Kommunalkino. Nicht minder spaßig subversiv Becks Sitzungspräsidenten-Karikatur oder die Humor-Hommage auf den einstigen Narrenausstatter Jacques Hermann. Nostalgische Rückblicke auf die Anfänge der Anders-Fastnachter, als man fast ins Sat 1-Programm kullerte, halten sich wohltuend in Grenzen. Dafür zeigen Schütz und Beck als Badenixen viel Bein – wie Fischlein in einem Veteranen-Jungbrunnen. Zum Jubiläum sei dem Impresario auch verziehen, wenn er bei der Verlesung humortheoretischer Zeitungszitate zuweilen über das Ziel hinausschießt.
Ketzerkult
Mit seiner Ministrantentruppe ist Vorbeter Peter Eisenhuth als Geißel Gottes eine psalmodierende Häretiker-Bank. Sei es mit unheiligen Fangesängen auf die 05er („Wir brauchen Tore, um zu leben“) oder einer galligen Brexit-Ode („Ich bin froh, dass ich kein Brite bin“). Nach biblischem Zorn auf den braunen AfD-Sumpf bekommt auch das Marktfrühstück sein Promillefett weg: „Das Hirn sagt nein, die Leber ja: Schoppe in de Kopp“.
Rheinische Frohnatur
In gleich zwei Nummern balanciert Markus Höffer-Mehlmer zielsicher auf dem Grat zwischen Gags und globaler Großwetterlage. Wozu zum einen die Tücken der Schmierinfektion in Corona-Zeiten zählen, aber auch der Klimawandel, den ein „Jecksit“ von Kastel bis Korea lindern könnte: „Allein das Reitercorps der Ranzengarde verbraucht vier Tonnen Metan – und da sind die Pferde nicht mal mit eingerechnet“.
Waterkant
Nach ihrer Premiere letztes Jahr bezaubert Christine Eckert, die sich mit Thomas Guinchard einen Backfischboy geangelt hat, erneut als frivol-freche Hamburger Deern, die dem Zollhafen Alsterfeeling verleihen will. Zur Not auch mit einem Reeperbahnstrich – wegen der kurzen Laufwege.
Freischwimmer
Zum Warm-Up lässt Joachim Knapp als Bademeister vom Bundestag die ersten Stimmungswogen hochschlagen. Das Dümpeln der SPD mit ihrer Lust am Untergang liegt ebenso spottsicher in der Bahn wie die Katastrophenpolitik des CSU-Verkehrsministers: „Scheuer wird auch für das Traumschiff einen Eisberg finden.“
Power to the People
Wie immer schunkelrestistent und soundvirtuos die Hausband um Zentralorgan Hans „Ernst“ Becker. Die saustarke Psychedelic-Version von Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ wird in die Drecksäck-Musikgeschichte eingehen.
Drecksau
Plüschig soft im Abgang, wobei ihre neue Frisur mit Greta-Zöpfen die Flugbahn aerodynamisch leicht beeinträchtigt.
Fazit
In dieser Form schaffen es die Drecksäck auch noch bis zum Fünfzigsten. Wie konnte die Mainzer Fastnacht eigentlich anderthalb Jahrhunderte ohne den Wutz-Verein auskommen?


WER WAR NOCH DABEI?
Malerisch-poetisch die Antirechts-Choreografie des schwullesbischen Chors Die Uferlosen mit Bienen- und Schmetterlingscharme. Immer noch viril die grazilen Hippie-Moves der Männertanzgruppe.

 

 

 


Meenzer Drecksäck  |  info@meenzer-drecksaeck.de