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Wiesbadener Kurier, 3.3.03

Der "Mord" an einem Kölner Jecken

Alternative Fassenacht auch in Mainz: Die Drecksäck feiern ohne Komitee und Humbahumbatätärä

Vom 03.03.2003

Mainz. Kein Einzug der Garden, kein Komitee, kein Humbahumbatätärä, es wird nicht geschunkelt, sondern gerockt - die "Meenzer Drecksäck" bieten eine ganz andere Fastnachtssitzung.

Von Kurier-Korrespondentin Marion Diehl

"Kauft Amerikaner, Bush, Rumsfeld und Rice zum Verspeisen, nur fünzig Cent das Stück." Die (Teigstückchen) müssten alle aufgegessen werden, das sei die einzige Chance, die "Amerikaner" los zu werden, grinsen die "Ordner" mit ihrem "Bin Bauch Laden"-Schild auf dem Buckel und sorgen schon vor Beginn der Sitzung für eine ungewöhnliche Fastnachts-Stimmung. 250 Gäste, überwiegend verkleidet und in bester Feier-Laune warten geduldig auf den Einlass im Mainzer Haus der Jugend - nummerierte Sitzplätze gibt es bei den Trunksitzungen der "Meenzer Drecksäck" nicht. Das ist eine der "Traditionen" des 1995 gegründeten "alternativen Fastnachtsvereins" nach dem Vorbild der nur wenig älteren Kölner Stunksitzung. Eine andere ist der Eröffnungsfilm - per Video auf die Großbildleinwand projiziert.

Mit der "Butterfahrt zur Nonnenau" fordert die traditionelle (Mainzer) Familie Becker zu "Reste, Ramsch & Rheumadecken" auf, denn "Hessens Koch hat die Mainzer von der Lebensmittelzuteilung abgeschnitten". Der Hungerkatastrophe zu entgehen, erlegen die Mainzer (Feld-) Hamster und tauschen die Felle gegen Rotkraut und Karotten, dabei dem hamsternden Wucher von Babba und Mamma Becker ausgesetzt, die mit Sohn und Tochter letztlich im Rhein baden gehen. Zwischendrin erscheint im Bild der (echte) Mainzer OB mit leerem Beutel ("Ich hab nix mehr"), und der ebenso echte 05er-Präsident Harald Strutz liefert für die Suppe von Hilton-Chefkoch Dirk Maus das letzte Rasenstück vom Bruchweg - "bevor der ganz untern Hammer kommt".

Leinwand weg - und noch immer sieht es auf der Bühne nicht nach Fastnachtssitzung aus - die Bütt ist eine aufgeschnittene Mülltonne, der Sound ist Spitze, und ständig wechselt die Kulisse (Narrenmaske ab vor den Technikern!). Statt "wolle mer se roilosse" kündigen Birgit Schütz und Günter Beck spielerisch als kostümierte Moderatoren die Vortragenden und Singenden an, stellen die 50 Akteure vor - und wollen dafür noch nicht mal geküsst werden.

Die politisch-literarische Abrechnung des Abends ist auf Mainz konzentriert, gleichwohl kriegt die Bundespolitik den einen und anderen Butterfleck ab: die "Mixed Pickels" entdecken als Sondermülleinsatzkommando von Scharping über Stoiber bis "Mölli" reichlich Stoff im Müll der Geschichte. Bis zur Pädophilie von Kirchenmännern reimt sich Peter Herbert Eisenhuth als Pfarrer durch, erinnert - mit musikalischer Unterstützung - daran, dass Queen Mum ihren letzten Gin ausgetrunken hat und sichert Bush ("so depp, wie der ist, wird er sich auf dem Weg in den Irak verfliegen") einen Kranz vom "alten Europa" zu. In diesem musikalischen Potpourri geht einiges weit unter die sprachliche Gürtellinie - auch das eine Tradition der Drecksäck-Trunksitzungen.

Mit dem Schlachtruf "Drecksack, Drecksack hoi hoi hoi" zeigen die Sitzungsgäste ihre Begeisterung. Sofort fliegt die traditionelle riesige rosa Plüschsau mit kräftigen Schubsern befördert über deren Köpfe. Kaum wieder sitzend, locken die Töne von "Toni, Ernst und die Hämmerle" - aber nicht zum Schunkeln. Rock ist angesagt, bis zu ausgiebigen Gitarren-Soli. Da wippt so manches Füßchen, im Saalhintergrund ist Tanzen angesagt. Bei "MultiKulti" Nedim Tuyun wird's dann eher nachdenklich: der Türke dokumentiert an seinen zahlreichen Körperverletzungen die Schwierigkeit, Deutsch "richtig" zu verstehen. Dabei gibt er sich doch so viel Mühe .... Ein eiskalter Bruder beschäftigt den "Mainz-Krimi", der Mord an einem Kölner Jecken ist aufzuklären. Er wollte den Kölner Karneval retten und die Mainzer politisch-literarische Fastnacht ausspionieren, erlag dabei dem Sitzungmarathon.

Im "rosa Rössel am Wolfgangsee" herrscht der schwul-lesbische Chor "Die Uferlosen" und erheitert wunderschön kostümiert - so was findet nie den Weg in die Fernsehsitzung! "Wenn wir schon die Wiesbadener zum Lachen bringen, bringen wir auch den Muezzin von Teheran zum Lachen", so der Leitsatz des Narhalla-Bataillons. Als "Die Bösen auf Achse" unterwandern sie die koreanische Diktatur und bringen Fidel Castro dazu, Handkäs anzubauen. "Venceremos, Helau, die Fastnacht wird siegen" - auf zur Männertanzgruppe, die mit schönster Blasiertheit ihre Beine zur Schau stellte, Hintern wackelnd hervorragend im Takt blieb und zeigte, dass auch Fastnachter tanzen können. Mit Frühstücksdosen als "Orden" ausgestattet, verabschieden sich die Akteure im Finale vom begeisterten Publikum und lassen die Nacht - im Unterschied zur traditionellen Mainzer Fremdensitzung bei echt passablen Preisen für Essen und Getränke - babbelnd und tanzend ausklingen.


Meenzer Drecksäck  |  info@meenzer-drecksaeck.de