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18 Jahr, Borstenhaar
Mainzer Allgemeine Zeitung 4. Februar 2013

04.02.2013 - MAINZ
Von Michael Jacobs
MEENZER DRECKSÄCK Alternativfastnachter feiern Volljährigkeit mit neuer Sau und subversivem Schwung
Auch bei Alternativ-Fastnachtern stellen sich trotz artgerechter Haltung schon mal Verschleißerscheinungen des Wurfgetiers ein. Im 18. Jahr enthemmter Hebefiguren im Haus der Jugend galoppiert nun die mittlerweile vierte Drecksau über die stellenweise ergrauten Häupter der Getreuen hinweg. Die knuffneue Wurfwutz wiegt locker zwei Prinzenpaare auf, entwickelt aber auch eine solche Absorptionskraft, dass der Spross der Drecksäck-Sippe Becker mehr und mehr zum Schwein mutiert. Ursachenforschung liefert eine filmische Retrospektive vergangener Großtaten des Gonsenheimer Metzgerclans - mit Malu Dreyer an der Wursttheke oder dem unvergessenen, viel zu früh verstorbenen Dieter Kramer -, bis der schwer Angeferkelte in einem Finther Schweinestall austherapiert ist.

Kein Rückschau-Alter

Die Drecksäck sind volljährig geworden. Eigentlich kein Rückschau-Alter, zumal die Subversivlust des Stammpersonals noch ungebrochen scheint. Conferencier Günter Beck, aller letztjährigen OB-Bürden entledigt, erblüht an der Seite seiner kongenialen Bühnenpartnerin Birgit Schütz in grellgrünem Gänseblümchen-Zwirn zur sketchsatten Frühlingswiese, blubbert als münzbetriebenes Ballplatz-Brünnlein oder schleppt eine Monsterglocke zum „Hells Bells“-Abgesang auf Kurt Beck an. Den Sound dazubesorgt die Hämmerle-Hausband, die sich mit ihrem Joe Cockeresken Sänger „Ernst“ Becker und Gitarrist Michael Lechner an dessen 60. Geburtstag in einen veritablen Babbelrock-Rausch steigert.

Bevor die Sau zum ersten Mal segelt, dürfen die Frischlinge ran, entwickeln Stefan Frondorf und Christof Eder bei ihrer „Making of Nummer“ zur Punk-Abwehr durch Hofsänger-Power Nachwuchspotential. Aus allen Panflötenrohren schießt das Aca Pella-Ensemble auf die wundersame Straßenmusik-Verordnungswelt des Wirtschaftsdezernenten („No Sitte, no Cry“), um gleich Umweltdezernentin Katrin Eder ins Visier zu nehmen. Die rennt diesmal nicht zum nächsten Fototermin, sondern hält wacker am Zapfhahn die Stellung. Nach einem forciert spottpolitischen Beratungsgespräch des Drecksäck-„Protokollers“ Joachim Knapp wutzt die Sitzung mit der Landung der Startrek- „Laienspielgruppe“ ihrem ersten Höhepunkt entgegen. Die Nummer mit Monthy Python-artigen Animationsfilmen, Raumschiff Enterprise-Aufbauten und einem kommunalen Kasperle-Theater, bei dem ein Pappnasen-Michael Ebling seinen Konkurrenten zurechtstutzt („Ich bin der König, du nur der Günter“), derweil „Marianne die Große“ mit ihren Stilettos droht, ist ein theatralisch-multimediales Kabinettstück. Irgendwann plumpst Beck ins Haushaltsloch, während die Startreker im Schoppenkeller des bröckelnden Rathauses versumpfen. Kurz vor der Heiligsprechung auch Peter Eisenhuth mit seiner bös‘ psalmodierenden Messdienertruppe.

Die Attacken gegen Politik und Klerus haben Kreuzzugsschärfe, wenn auch, wie im Fall von „Schnappi dem Peniskrokodil“, hart an der Zitiergrenze. Immerhin reicht der chorale Austeilradius von Peer Steinbrück („Ich lach‘ mich schlapp, denn ich sahn‘ ab) bis zu MCV-Schillerplatz-Splittern („Ein bisschen Glas muss sein“), samt einem Abgesang auf die OB-Ambitionen des Ex-Kandidaten Beck. Der bedankt sich mit einem Christbaum auf der Haartolle, während die Sau schon wieder zum nächsten Kopfsprung startet.

Dann wird es Zeit fürs Bezahlfernsehen. Oliver Nieders souverän angejauchte „Wer wird Millionär“-Parodie kulminiert dank der quirligen Offensivkraft der Publikumskandidatin aus Niedersachsen zum Selbstläufer. Auch Zeremonienmeister Beck ist von Jules Schlagfertigkeit entzückt: „Du machst nächstes Jahr ne eigene Nummer“. Falls nicht, steht immer noch Markus Höffer-Mehlmer als sichere Humor-Bank vor dem Finale parat. Als Anlageberater für Zugplakettchen bringt er noch schnell die Facebook-Blase zu platzen, ehe die Hämmeles mit Jackson Brownes „Stay“ nach fünf Stunden zum Auszug der Alternativ-Aktiven blasen. Für den Nachhauseweg gibt‘s, „gewidmet meiner herzallerliebsten Drecksau“, noch ein leitendes Liedblatt: „18 Jahr, Borstenhaar“. Oink.

WER WAR NOCH BABEI?
Schwullesbischer Chor „Die Uferlosen“, „Saubande“ (Christof Eder, Petra Unger, Stefan Frondor), Männertanzgruppe (Steffi Küchenmeister, Stefan Reitz, Rainer Christ, Wolfgang Gabler, Thomas Dang, Klaus Cartus).

 


Meenzer Drecksäck  |  info@meenzer-drecksaeck.de