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Meenzer Drecksäcke verteidigen 2017 die Freiheit, die Fleischwurst und die Fastnacht

mainz& vom 20. 2. 2017

Von Gisela Kirschstein

Auf dem Mainzer Markt weht der Wind Tumbleweeds um den letzten verbliebenen Stand, die Mainzelbahn schafft es nicht über die Brücke bei Marienborn und das plötzliche Fehlen der Staus in Mainz sorgt für Depressionen – klarer Fall: Die Drecksäcke müssen mal wieder die Welt retten. Familie Becker hat eine Problemlösungs-Agentur gegründet und rettet im wieder einmal großartigen Eröffnungsfilm Mainz, bis sie rausfliegt, als sie das Mainzer Rathaus zu einem Mainzelmännchen-Museum machen will… In ihrer 22. Saison feiern die alternativen Fastnachter wieder eine große Sause, lassen die Rosa Sau durch das Haus der Jugend tanzen und geben Möchtegern-Diktatoren, Fake-News-Faschisten und Neu-Nazis kräftig einen mit.

„Gerüchte sind aller Wahrheit Anfang“, weiß „Nostradummy“ Ottmar Schwinn, und seziert genüsslich die Politik des vergangenen Jahrs: Die Stadt Mainz stellt jetzt Mobile Trauerautomaten auf dem Friedhof auf und kassiert bei Beerdigungen mit Überlänge extra, Innenminister Roger Lewentz (SPD) gründet einen 1-Euro-Shop im Internet für Dinge, die er nicht los wird – etwa den Flughafen Hahn, die Schiersteiner Brücke oder die Loreley. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) schreibt indes ein neues Buch: „Ohne Volker keine Zukunft“ heißt das, und in der Staatskanzlei wird jetzt gesungen, „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür….“ Vize-Ministerpräsident Volker Wissing (FDP) wird’s gerne hören…. Doch es droht Ungemach: Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) nimmt jetzt die Fastnacht ins Zentrenkonzept auf – und die Meenzer Drecksäcke erheben nach 24.00 Uhr eine Lach-Zuschlag!

Großes Polit-Kino also – eigentlich. Denn leider fehlt der Drecksack-Sitzung zu Beginn irgendwie der Schwung, zündete Schwinns Vortrag in den Reihen des Publikums am Samstagabend nur mäßig. Das ändert erst der A-Capella-Chor um Anke Eckhardt-Würz: Die sechs Damen und ein Herr retten in diesem Jahr die „Fleischwurst der Freiheit“, wieder einmal mit tollen Kostümen, herrlicher Narretei und natürlich guter Musik. Lady Liberty, die Friedenstaube, die Germania aus Rüdesheim, die Jungfrau von Orleans, Johannes Gensfleisch und Ritter St. Martin vom Dom „müssen erst noch die Würde unserer Wurst retten“ – und zwar vor AfD, Putin, Erdogan, LePen, dem Ungarn Orban und natürlich vor dem „Faschisten“ Trump: „Donald, ach glaubst Du das denn selber, was Du Deinem Volk auf Twitter sagst?“, fragt der A-Capella-Chor, und stellt fest: „Du hast die Haare schön“ – aber sonst auch nichts.

Und natürlich endet die Rettungsmission mit „Freiheit“ und der Vielfalt des „Uffschnitts“ – und dem Drunken Sailor-Appell: „Steh auf gegen Diktatoren, steh auf gegen Störfaktoren! Steh auf für das Recht der Worscht!“ Da steht der Saal und fordert die Sau – der erste Höhepunkt der Drecksack-Sitzung, der noch viele, viele Säue folgen… Überhaupt sind die Drecksäcke auch in ihrem 22. Jahr wieder hochpolitisch, praktisch keine Nummer ohne klare Kritik an antidemokratischen Tendenzen und autokratischen Neu-Diktatoren. Besonders beliebt: der Türke Erdogan und der neue US-Präsident Donald Trump.

„Migration sucht sich ihren Weg“, erklärt dem Markus Höffer-Mehlmer, das „Fidele Einsatzkommando“ der Fastnacht: „Wir haben doch auch vergeblich versucht, die Wiesbadener von der Fastnacht fern zu halten“ und sogar die Schiersteiner Brücke dafür sabotiert… Und wenn der Mainzer OB Michael Ebling (SPD) nun all‘ die Jobs aus den Zugplakettcher-Fabriken aus Rheinhessen zurück nach Mainz holen müsse, dann werde das teuer. Höffer-Mehlmer brennt mal wieder ein Feuerwerk an spitzen Pointen ab und schont weder „den großen Dekretor“ Trump noch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU), die „mittlerweile in die Höcke gegangen“ sind: „Das ist Szenen einer Ehe, Rosenkrieg und Dick und Doof in einem…“

Höffer-Mehlmer rettet als Ein-Mann-Kommando die Fastnacht und die Drecksäcke gleich mit: Bei den Alternativfastnachtern geht der Aktivenschwund in diesem Jahr nämlich gewaltig weiter. Die „Saubande“ bleibt erneut aus, auch Protokoller Joachim Knapp muss familienbedingt pausieren. Die Männertanzgruppe ist auf nur noch vier Tänzer geschrumpft, die in diesem Jahr jeweils schöne Einzelsoli als Rocker, coole Blueser, Prince-Einlage und grandiosem Zappel-Baby (Klaus Cartus) einlegen, leider aber ungewöhnlich angezogen bleiben…

Leider fehlt auch Jürgen Girtler, der Drecksäck-Altmeister, der die vergangenen beiden Jahre den Saal zum Kochen brachte. Im Eröffnungsfilm  glänzt der Kabarettist zwar als Stau-Professor, der die positiven sozialen Stau-Komponenten als Treffpunkt und gemeinsame Picknick-Zeit erklärt: „Stau ist gelebte Solidarität!“ Eine eigene Girtler-Nummer aber gibt es nicht, und so muss Höffer-Mehlmer im zweiten Teil noch einmal ran – mit einer grandiosen „Fastnachtssüchtig auf Teneriffa“-Nummer, eine unglaubliche Persiflage auf den Mainzer Gendefekt mit Gelle-Gen… Zur Desensibilisierung wird doch tatsächlich geschunkelt im Drecksack-Reich, sogar ein einzelnes „Helau“ ist zu vernehmen – das wäre früher im Haus der Jugend undenkbar gewesen!

Die „Uferlosen“ packen gar das „Heile Gänsje“ aus, da grummelt es dann doch vernehmlich im Saal. Der schwul-lesbische Chor lehrt ein armes kleines Schweinchen fliegen, doch die Ausuferung der einzelnen Gesangsnummern tut dem Auftritt nicht gut, die „Uferlosen“ verlieren an Schwung, und der Saal auch… Macht nix, bei „Wir lassen die Sau fliegen“ sind alle wieder wach, und die Rosa Sau tanzt ausgelassen über die Köpfe.

Aber das arme Maskottchen hat es nicht leicht: Melia Pace, die sonst mit ihrem Vater Günter Beck tanzt, verweigert in diesem Jahr die gemeinsame Sportnummer – weil ihr Vater die Drecksau übers Jahr so vernachlässigt hat. Und so war Melia statt zu proben eben mit der Sau in Paris, London und New York, beim Shoppen, Eis essen und bei den 05ern – ein saumäßig guter Einsatz des jüngsten Drecksacks auf der Bühne!

Ganz ohne neuen Nachwuchs sind die Drecksäcke aber nicht: In der Laienspielgruppe tauchen mit Iris Antoinetti und Jonas Bonn zwei neue Drecksäcke mit einer grandiosen Persiflage gewisser Neustadt-Bewohner der eher prolligen Sorte auf – klasse! Die Laienspielgruppe nimmt wieder einmal Mainzer Stadtpolitik herrlich närrisch aufs Korn, denn Gott im Himmel spielt mit einer Time Machine. Und da sucht im Jahr 2517 Mainz immer noch einen Investor für seine Shops, versucht „der Roger“ einem chinesischen Mr. Nasi Goreng eine Fast Food Kaschemme mit Smart Suff-Automat und defektem Fleischwurst-Roboter zu verkaufen – ganz großes Narrenkino. Zurück in der Gegenwart trifft der herumgebeamte Mainzer auf eine Hippster-verseuchte Neustadt, in der Wohnungs-Ausverkauf herrscht und wo die MVG gerade ihren neuen Fahrplan herausgegeben hat: Dick wie zwei Telefonbücher.

„Tja,“ erklärt eine Neustädterin, bei der Probefahrt für manche neue Buslinie habe man sich wohl verfahren und dann gedacht, „das ist doch aach e schöne Strecke…“ Und so beschwert sich der Mainzelbahn-Rapp: „Ich fahr‘ durch Marienborn, und fühl mich echt verkohlt, weil uns rechts ne Oma, mit dem Rollator überholt!“ Geniales Ende einer Nummer, deren Texte aus der Feder von Hermann Junglas flossen, der auch noch Programmheft und Design schmeißt – saustark!

„In der Mainzelbahn, nachts um halb eins“ singt der Prediger über die Bahn, die noch „ein bisschen wacklig uff den Beinen ist.“ Ansonsten aber hat Peter Herbert Eisenhuth mit der großen (Welt-)politik alle Hände voll zu tun: sächsische Justiz, Björn Höcke, AfD, der syrische Präsident Assad, der IS – das wäre Stoff für mehr als einen Vortrag. „Die Mutti wird’s schon richten“, singt der Prediger, und „Trump ist Trumpf.“ Aber natürlich ist das nicht alles zum neuen US-Präsidenten: „Wer twittert, hat nicht immer recht“, schreibt Eisenhuth Trump ins Stammbuch, und dann lässt er DIE Anti-Neonazi-Hymne schlechthin auf den Neuen im Weißen Haus los: „Deine Gestalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe – Arschloch!“

Damit immer noch nicht genug: Ober-Drecksack Günter Beck wird noch deutlicher – und ernster. Wer sich verhalte, wie der neue US-Präsident, „der beflügelt die braunen Kräfte“, sagt Beck, und zitiert, was die amerikanische Schauspielerin Meryl Streep über Trumps perfide Parodie auf einen behinderten Journalisten im Wahlkampf sagte. „Wir verteidigen aus der Bütt die Freiheit, die Menschenrechte und das friedliche Zusammenleben“, reden die Drecksäcke Klartext aus der Drecksack-Tonne: Wer agiere wie AfD-Chefin Frauke Petry oder „Nazi Björn Höcke“, „der ist nicht einfach ein Kotzbrocken, der ist ein Faschist“, betont Beck, und fügt hinzu: „Wir wären nicht die Drecksäcke, wenn wir das nicht klar benennen würden.“ Donnernder Applaus dankt dem Narren für das freie Wort.

Zwischendurch sorgt wieder die erstklassige Hausband „Toni, Ernst und die Hämmerle“ für Rockkonzert-Feeling. Die fünf erstklassigen Musiker präsentieren wieder neue Hymnen auf die Drecksau – „und es rockt“ im HdJ, wenn Hans „Ernst“ Becker in Rolling Stone-Manier singt „Mein Vater war beim MCV…“

Aber die Drecksäck wären natürlich nicht die Drecksäck ohne die liebevollen Zwischennummern des kongenialen Moderatoren-Duos Günter Beck und Birgit Schütz: Da baut der verstorbene Zugmarschall Ady Schmelz den Rosenmontagszug im Himmel mit ganz neuen Motivwagen, wird Fastnachtsgymnastik mit Sträußchen-Fangen und Sau-Werfen eingeübt und in der Laubenkolonie zwischen dem Holz-Häcksler-Einsatz Unterschriften gegen Fluglärm oder Mainzelbahn  gesammelt und dem Aldi-Wahn gefrönt. Am Ende hauen die beiden „Erfinder“ Margit und Peter Becker noch Baby-Wischmopp, Kontaktlinsen-Fänger und Glückssträhnen raus – wer so viel Kreativität hat, kann wahrlich die Welt retten. Die Lachmuskeln mit Sicherheit.

Info& auf Mainz&: Noch dreimal fliegt die Sau in diesem Jahr durch den Saal: am 24., 25. und 26. Februar 2017 gibt es jeweils noch eine Sitzung der Meenzer Drecksäcke. Und auch wenn die Karten rar sind, in der Tauschbörse hat man immer mal wieder Chancen auf kurzfristig abgegebene Karten. Und natürlich: Hier kommt (gleich) unsere Fotogalerie zur Sitzung der Meenzer Drecksäcke 2017!


Meenzer Drecksäck  |  info@meenzer-drecksaeck.de